Franz Theodor Csokor
österreichischer Dramatiker 1885 - 1969


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L E B E N S L A U F

Franz Theodor Csokor wurde am 6. September 1885 in Wien geboren. Er entstammte einer gutbürgerlichen Familie. Sein Vater Johann Csokor war Professor an der Tierärztlichen Hochschule in Wien. Unter den Vorfahren Csokors befanden sich Vertreter beinahe sämtlicher Völker der österreichisch-ungarischen Monarchie (er selbst bezeichnete sich als "richtiges österreichisches 'Blend'"). So verkörperte er selbst das Völkergemisch dieses Staates, der zum Zeitpunkt seiner Geburt trotz allen äußeren Glanzes bereits dem Untergang geweiht war.

Csokor begann nach der Matura ein Studium der Kunstgeschichte, das er aber nie vollendete, denn er hatte schon früh seine wahre Berufung erkannt: bereits 1905 erschien sein erstes Werk, 1912 erlebte er die Uraufführung seines ersten Theaterstücks "Eine Partie Schach" (späterer Titel "Thermidor") in ungarischer Sprache in Budapest. Es war ein großer Erfolg, doch der Dichter selbst verstand kein Wort davon. Ab diesem Zeitpunkt stand für ihn fest, daß er seiner Berufung, nämlich der eines Lyrikers und Dramatikers, leben würde. 1913/14 verbrachte Csokor einige Zeit in St. Petersburg. Er wirkte als Dramaturg und traf neben anderen wichtigen Schauspieler- und Dichterpersönlichkeiten den russischen Dichter Nikolai Evreinoff.

Während des 1. Weltkrieges war Csokor zunächst Soldat, später dem k.u.k. Kriegsarchiv zugeteilt. Sein älterer Bruder Hans wurde in Rußland tödlich verwundet, ein Schicksalsschlag, den die Mutter nur schwer überwinden konnte, nachdem bereits Csokors Vater und zwei weitere Geschwister früh verstorben waren. In dieser Zeit entstanden neben zahlreichen expressionistischen Gedichten die Stücke "Der Baum der Erkenntnis" und "Die rote Straße", die Csokor in seinem Testament als "Standardwerke des Expressionismus" bezeichnete.

In den Zwanzigerjahren fungierte Csokor als Dramaturg und Regisseur in Wien. Fragen der Dramaturgie, das Studium der Antike und des Christentums beschäftigten ihn. Er befaßte sich eingehend mit Kleist, Krasinski, Ibsen, Strindberg, Hauptmann, auch Shakespeare und Molière. Vor allem aber interessierte er sich zu dieser Zeit für den Dichter Georg Büchner, der 1837, erst 23 Jahre alt, verstorben war. Gleichzeitig begann er, die Grenzen des Expressionismus, der bis dahin kennzeichnend für sein literarisches Schaffen gewesen war, zu erkennen. Csokor vollendete Büchners Fragment "Woyzeck", indem er den Kreis von Büchners Szenenfolge von der verzweifelten Trostlosigkeit der ausgebeuteten Existenz des Woyzeck durch das Auftauchen seines Nachfolgers Andres zyklisch schloß. Das Drama "Gesellschaft der Menschenrechte", eine szenische Biographie Büchners, wurde bis 1933 an allen großen deutschen Bühnen gespielt. Ein anderes wichtiges Werk aus jener Zeit: Zygmunt Krasinskis "Ungöttliche Komödie", welche von Csokor für die deutsche Bühne bearbeitet und 1929 erstmals in Deutschland, 1936 dann am Wiener Burgtheater aufgeführt wurde.

Die Machtergreifung Hitlers in Deutschland war für Csokor ein tiefer Schock. Er schwor sich von Anfang an, für die Dauer dieses "Tausendjährigen Reiches" seinen Fuß nicht mehr auf deutsches Gebiet zu setzen. Beim PEN-Kongreß in Dubrovnik protestierte er leidenschaftlich gegen die Unmenschlichkeiten des Nazi-Regimes, weswegen die Verbreitung seiner Werke in Deutschland verboten wurde. Später wies er alle "Annäherungsversuche" des offiziellen deutschen Literaturbetriebes zurück. Wie er an Ferdinand Bruckner schrieb: "Man muß sich eben entscheiden: Gutes Geschäft - oder gutes Gewissen? Ich bin für das zweite...."(19.6.1933). Gleichzeitig war er sich der wachsenden nationalsozialistischen Gefahr für Österreich ab diesem Zeitpunkt ständig bewußt und begann, sich mehr und mehr auf die Möglichkeit des Exils einzustellen. Er lebte ab 1933 auf seinen "gepackten Koffern" (Brief an Ödön von Horvath am 30.11. 1933).

Gleichzeitig war dies für Csokor eine Zeit des ununterbrochenen literarischen Schaffens. Er schrieb an einem Roman, der später unter dem Titel "Der Schlüssel zum Abgrund" veröffentlicht wurde und sein einziger Roman bleiben sollte, unterbrach die Arbeit aber immer wieder, um Dramen zu verfassen. 1937 wurde Csokors wichtigstes Theaterstück, das Requiem auf die österreichisch-ungarische Monarchie "3. November 1918", am Wiener Burgtheater uraufgeführt. Es blieb bis heute sein meistgespieltes Theaterstück und war bereits bei der Premiere ein überwältigender Erfolg. Csokor war nun endgültig zum anerkannten Dramatiker geworden, was auch durch die Verleihung des Burgtheaterringes und des Grillparzerpreises zum Ausdruck kam.

Während Csokor das letzte Bild seines nächsten Dramas "Gottes General", der Tragödie des Ignatius von Loyola schrieb, marschierten Hitlers Truppen in Wien ein. Was er jahrelang befürchtet hatte, war nun eingetreten. Österreich existierte nicht mehr. Er nahm Abschied von seinem besten Freund und Mitbewohner Ödön von Horvath, dessen warmherziger Förderer er zeitlebens bleiben sollte, und von seiner Familie - der Mutter und den Schwestern. Als aufrechter Humanist konnte er sich ein Leben unter der braunen Barbarei nicht vorstellen, mit deren Untaten er befürchtete, identifiziert zu werden, falls er länger bliebe. So wählte er den Weg ins freiwillige Exil. Über die Tschechoslowakei setzte er sich zunächst nach Polen ab, wohin er seit seiner Bearbeitung von Krasinskis "Ungöttlicher Komödie" Verbindungen hatte.

Der Ausbruch des 2.Weltkrieges und der Einmarsch der Deutschen in Polen machten sein Exil zur Odyssee. Immer auf der Flucht vor dem Krieg und den Deutschen wandte er sich zunächst nach Bukarest (wo er Zeuge des Erdbebens wurde), dann nach Belgrad und schließlich auf die Insel Korcula. Nach der Landung der Aliierten ging er nach Italien und kehrte schließlich 1946 in britischer Uniform nach Wien zurück. Abgesehen von weiteren Dramen faßte Csokor seine Erlebnisse dieser Zeit in den beiden Prosawerken "Als Zivilist im polnischen Krieg" und "Als Zivilist im Balkankrieg" zusammen, welche später unter dem Titel "Auf fremden Straßen" erschienen.

1947 wurde Csokor zum Präsidenten des österreichischen PEN - Clubs gewählt. Bis ins hohe Alter unternahm er zahlreiche Reisen, so zum PEN - Kongreß 1964 in New York. Er wurde auch zum Nobelpreis vorgeschlagen. Bis wenige Tage vor seinem Tod am 5. Jänner 1969 lebte er seiner Berufung zum Dramatiker und verfaßte zahlreiche Theaterstücke. Zu Weihnachten 1968 vollendete er sein letztes Stück "Alexanderzug" im Konzept. Er blieb immer ein Suchender, ein unbeugsamer Verfechter des gelebten Humanismus, des Kampfes gegen jede Unmenschlichkeit. Er war sich der Tatsache bewußt, daß dieser Weg noch ein weiter sein würde. Auf seinem Grabstein steht das Wort "Nondum" (="Noch nicht") entsprechend seiner testamentarischen Verfügung, "... da ich das, was ich plante, im Leben noch nicht erreicht habe."

 

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